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Zum Leserbrief mit der Überschrift „Chaotische Willkür“ von Udo Knau im Mindener Tageblatt vom 04.02.2021

Der Leserbrief Herrn Knaus ist eine ungute Mischung teilweise berechtigter kritischer Gedanken zu den Coronaschutzmaßnahmen und kruder Ideen, wie zu „natürlicher“ Herdenimmunität zu kommen sei… Ein Anlass, mal ein Statement seitens der Fittinge e. V. – Arbeitsgemeinschaft zur Integration behinderter und nichtbehinderter Menschen abzugeben:

Auch Wissenschaftler*innen kennen noch längst nicht alle Einflüsse, die zur Ausbreitung gefährlicher Viren und Krankheiten beitragen, ganz zu schweigen davon, dass Politiker*innen immer schnell die richtigen Maßnahmen bei der Hand haben können. Irrtümer und immer wieder neue Erkenntnisse sind da „normal“. Gleichwohl hätten viele Gesichtspunkte mehr in den Blick genommen werden müssen, nicht nur medizinische und ökonomische, sondern auch soziale, psychologische, historische Zusammenhänge und Folgen sowohl der Pandemie als auch mancher verordneter Maßnahmen…

Dabei ist manches sicher nicht zu Ende gedacht: Schulen, Kitas und bestimmte Betriebe mal zu schließen, mal zu öffnen, das Gedränge im ÖPNV aber zuzulassen, passt nicht zusammen. Oder immer wieder Freitag nachmittags neue Richtlinien zu erlassen, nach denen sich Betreuungseinrichtungen ab Montag zu richten haben, ohne Chance, dies vernünftig vorzubereiten. Oder hochbetagten Menschen zuzumuten, sich digital einen Impftermin zu besorgen – geschenkt.                                                                                                                                                                         Hygiene, Abstand, Maske etc. aber sind erwiesenermaßen wirksam und sinnvoll, auch wenn manche angeblich viel besser informierte Querdenker „alternative Fakten“ verbreiten und so sich und andere gefährden. Viele Maßnahmen sollten allerdings jedoch in der Tat mittlerweile besser demokratisch legitimiert werden. Auch der Blick in andere Länder mit einschlägigen Erfahrungen sowie die schnellere und konsequentere Beherzigung von Hinweisen aus längst vorhandenen epidemiologischen Studien hätte geholfen.

Woran uns aber liegt: Missstände, die längst vorher existierten, müssen nun erst recht in den Fokus kommen: Z. B. die systemische Vorgabe, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen möglichst profitabel arbeiten sollen. Nicht der Zwang, Maske tragen zu müssen, ist skandalös und unzumutbar, sondern der Personal- und Pflegenotstand, der schon ohne Corona zu bittersten Erfahrungen führt. Oder auch die mangelhafte Ausstattung von Schulen und Kindergärten, die fehlende Achtung vor pflegenden und pädagogischen Berufen, die Hintanstellung der Belange von Kindern, Familien mit kleinen Kindern, kranken, alten oder behinderten Menschen, ja die Inkaufnahme der Zerstörung von Lebensgrundlagen zugunsten kurzfristiger Gewinninteressen manch lobbystarker Unternehmen… die Liste ist lang und bietet eine Fülle von Notwendigkeiten für Engagement. Herrn Knaus Aufruf in seinem Leserbrief, „unsere Alten…einfach in Würde sterben zu lassen“ grenzt da an eine Aufforderung zu unterlassener Hilfeleistung. Und den Widerstand gegen Coronaschutzmaßnahmen zu adeln durch den Vergleich mit dem Widerstand gegen das Unrechtsregime der DDR ist ja nun wirklich verfehlt. Nein, dieser Leserbrief war mit Sicherheit kein Beitrag zu einer menschenwürdigen Gesellschaft für alle!

Vorsitzende der Fittinge e. V. Monika Bitzan, Im Pallastgrund 1, 32429 Minden